Einfliegen von Flugmodellen...
Eine kleine Prozedur, die man nicht auslassen sollte.

Das Einfliegen eines Modells soll nicht nur zeigen, dass ein Modell fliegt und ggfls. der Schwerpunkt stimmt. Es ist vielmehr eine Prozedur,
mit der man alle aerodynamischen Einstellwerte überprüft und ggfls. korrigieren muss und
die dem Piloten zeigt, wann ein Modell an seine Grenzen stösst und wie es sich dabei verhält.
Nur so kommt man zu einem optimal eingestellten Fluggerät. Und kann verhindern, unabsichtlich in Grenzsituationen hineinzufliegen und sich anschließend über ein meist zwingend folgendes Missgeschick zu wundern.

Deshalb empfiehlt es sich, die nachfolgenden Schritte in dieser Reihenfolge gewissenhaft durchzuführen:

1) Sich mit dem Modell vertraut machen
Das Modell starten oder besser starten lassen, denn dann hat man beide Hände an den Knüppeln und kann früher reagieren. Bei Handstart ist Vollgas so gut wie nie nötig! Mit Vollgas geht alles nur viel schneller und zur Not auch schneller in den Boden. Halb soviel Schubkraft wie Eigengewicht reichen für den ersten Flugversuch völlig aus. Mit den Knüppeln das Modell gerade legen und nur leichte Kurven fliegen. Dabei austrimmen, bis es von selbst gerade liegt. Ruhig einige Runden in Ruhe fliegen und wenn man sich wohl fühlt, mit den Tests beginnen. Wer unsicher ist, kann zuerst auch einen Handstart ohne Motor machen und sehen, wie das Modell gleitet => dazu das Modell in gerader Flugbahn auf einen etwa 15m vor sich liegenden Punkt Richtung Boden werfen.

2) Einstellwinkel des Höhenleitwerks = Fluglage beurteilen
Modell mit Viertel- bis Halbgas geradeausfliegen lassen => der Rumpf sollte dabei horizontal in der Luft liegen. Hängt das Heck herunter, muss das HLW entweder an seiner Nasenleiste höher oder mit der Endleiste tiefer eingebaut werden. Hängt der Flieger mit der Nase nach unten, dann andersrum. Diese Änderung beeinflusst selbstverständlich die Schwerpunktlage und EWD. Aber ein schräg in der Luft hängendes Flugzeug sieht einfach komisch aus => deshalb zuerst diesen Punkt in Ordnung bringen.

3) EWD prüfen (Einstellwinkeldifferenz zwischen Fläche zu Höhenleitwerk)
In ausreichend Höhe aufsteigen, Motor abstellen und das Modell senkrecht in den Sturzflug bringen. Knüppel los lassen.
a) Geht das Modell kerzengerade senkrecht weiter, ist alles OK! Fängt sich das Modell in einem sehr weiten Bogen in die horizontale Flugbahn ab, passt das auch noch.
b) Fängt sich das Modell jedoch in einem kräftigen Bogen nach vorne in die Horizontale ab, dann ist die EWD zu groß geraten. In diesem Fall muss die Fläche gegen die Anströmung flacher eingebaut werden. Entweder die Nasenleiste der FLäche tiefer oder die Endleiste höher legen - je nachdem, was bautechnisch besser geht.
c) Will sich das Modell in einer Negativkurve auf den Rücken legen, dann ist die EWD zu klein => Einstellwinkel der Fläche andersrum ändern.
EWD-Test wiederholen. Erst wenn die EWD korrekt ist, sprich der Flieger senkrecht weiter stürzt, kann der Schwerpunkt sinnvoll getestet und beurteilt werden. Die EWD ist übrigens unter anderem vom verwendeten Flächenprofil abhängig und eine Herstellerangabe. Durch den Test lässt sie sich aber gut überprüfen und korrigieren - ohne sie hierzu kennen zu müssen.

4) Schwerpunkt prüfen / Abfangbogen fliegen
Wieder auf ausreichend Höhe gehen. Motor aus und Modell in einem 45° Winkel anstechen. Knüppel loslassen.
a) Geht das Modell genau in der eingestellten FLugbahn weiter, liegt der Schwerpunkt optimal = das bedeutet, das Modell ist sehr agil, reagiert schnell auf Steuerbefehle. Und auf dem Rücken muss man kaum oder gar nicht drücken.
b) Fängt sich das Modell in einem sehr weiten Bogen nach vorne in eine horizontale Flugbahn ab, ist das auch ok => das Modell reagiert jetzt nicht mehr ganz so agil auf Steuerbefehle und auf dem Rücken muss man leicht drücken.
c) Fängt sich das Modell in einem kräftigen Bogen nach vorne in die Horizontale ab und beginnt dabei sogar noch zu "pumpem", dann liegt der Schwerpunkt zu weit vorne. Zwar lässt sich ein Modell so fliegen, es reagiert aber sehr träge auf Steuerbefehle und will die Nase runternehmen => was durch Ziehen des Höhenruders ausgeglichen werden muss (man fliegt mit gezogener Höhe). Auf dem Rücken kann man es durch Drücken fast bis nicht mehr halten.
d) Geht das Modell in eine Negativkurve und will auf den Rücken, so liegt der Schwerpunkt zu weit hinten. Vermutlich hat man dies eh schon gemerkt oder ist gar nicht bis zum Schwerpunkttest gekommen, denn ein Modell ist so extrem kipplig bis gar nicht fliegbar.
Der Schwerpunkt lässt sich am Leichtesten durch Verschieben des Akkus verändern. Deshalb beim Bau auf eine variable Akkulage achten. Mitunter ist es zu Gunsten einer höheren Stabilität im Flug auch gewünscht, mit einem weiter vorne eingestellten Schwerpunk zu fliegen (z.B. bei viel Wind).

5) Abrissverhalten prüfen
Nachdem das Modell jetzt ruhig und stabil fliegt, wird das Verhalten bei Strömungsabriss geprüft: dieser erfolgt meist an den Außenflächen und schlägt sich von dort aus schlagartig über die Fläche bis zur Wurzel druch. Auswirkung: a) das außenliegende Querruder wird nicht mehr angeströmt und wirkungslos und b) die Fläche verliert an Auftrieb, der Flieger kippt zu dieser Seite ab und trudelt/stürzt herunter. Besonders unangenehm in Bodennähe beim Landeanflug => das Modell knickt im letzten Moment weg und schlägt ein Rad. Test: auf ausreichend Höhe gehen, Gas herausnehmen und langsamer werden. Durch ziehen des Höhenruders so lange wie möglich horizontal halten ("aushungern"):
a) es bleibt unbeeindruckt in seiner Fluglage und ist nach wie vor über Querruder steuerbar. Es gibt es keinen Abriss - der Idealszustand.
b) das Modell senkt langsam die Nase, nimmt Fahrt auf, wird wieder langsamer, senkt wieder die Nase und nimmt Fahrt auf. Es "pumpt" quasi mit gezogener Höhe langsam zur Erde bis zum Aufsetzen. Der zweite Idealzustand.
c) Modell bricht nach rechts oder links aus: jetzt wirds unangenehm und je nachdem wie stark es ausbricht, muss korrigiert (oder eben immer schnell geflogen und gelandet) werden. Hierzu gibt es verschiedene Korrekturmöglichkeiten:
Einfachste Möglichkeit: die abknickende Fläche im Außenbereich aufrauhen (Haifischhaut-Effekt). Zum Beispiel durch besprühen mit Mattlack oder anschleifen und anschließendem matt-lackieren.
Turbolator aufbringen: man klebt auf der abknickenden Seite einen etwa 0,05...0,1mm hohen und 2...3mm breiten Streifen Klebeband an der Stelle der höchsten Flächenwölbung vom Randbogen der Fläche bis etwa zur Flächenmitte auf. Dann nochmal probieren - knickt der Flieger jetzt zur anderen Seite ab, dann entweder den Streifen wieder etwas kürzen oder (besser) auf der anderen Seite ebenfalls einen etwas kürzeren Streifen aufkleben.
Fläche verwinden => heisst, den Randbogen gegen die anströmende Luft flacher anstellen: nur schwer möglich, bei beplankten Holzmodellen. Einfacher bei Schaum (EPP, Styro): hier einfach die Fläche vom Randbogen her Richtung Mitte in Abständen von 3...6cm von der Naselnleiste bis zur Stelle der höchsten Wölbung einschneiden. Dann den äußeren Teil an der Naselieste leicht nach unten drücken (ca. 0,5mm) und wieder verkleben.
Grenzschichtzäune anbringen und mehr => siehe hierzu einschlägige Literatur.

6) Motorsturz
a) Frontpropeller: Mit Halbgas horizontal fliegen - dann Vollgas. Das Modell sollte unbeeindruckt geradeaus weiterfliegen. Nur eben schneller. Steigt es nach oben weg, muss der Motor mehr nach unten geneigt eingebaut werden. Die schneller anströmende Luft drückt die Fläche/das Modell nach oben und der Propellerzug muss dies korrigieren, indem er den Flieger mit der Nase nach unten zieht <\=======
b) Heckpropeller/Pusher: auch hier muss mit zunehmender Geschwindigkeit der Propeller den Druck der anströmenden und von unten auf die Fläche drückenden Luft ausgleichen. Sprich, steigt das Modell nach oben, muss der Propeller den Flieger nach unten drücken. Der Motorsturz wird also stärker nach unten gestellt. Was heisst das? Der erzeugte Propellerstrahl bläst stärker nach unten (drückt das Modell hinten hoch). <=====/

7) Motorzug
a) Frontpropeller: Dreht das Modell beim Start stark nach links weg, entweder mit weniger Schub (Gas) starten oder den Seitenzug des Motors (in Flugrichtung gesehen ) nach rechts erhöhen. Typische Werte liegen zwischen 1° und 2°. Erklärung: beim Frontpropeller erzeugt eine rechtsdrehende Luftschraube eine sprialförmige Luftschlange über Flächen, Rumpf und Leitwerke. Die Wirkung dieser Luftschlange trifft besonders unangenehm auf das Seitenleitwerk und drückt dieses (wenn nach oben stehend, wie üblich) in Flugrichtung nach rechts weg. Das heisst, das Modell neigt dadurch zur Linkskurve. Diese Wirkung nimmt mit zunehmender Fluggeschwindigkeit ab (es zieht die Luftschlange in die Länge). Sie ist umso höher, je langsamer das Modell fliegt und je schneller und kräftiger ein Propeller dreht. Also besonders bei Start und Himmelmann (wenn man den Flieger senkrecht hochfliegt und im Schwebezustand stehen lassen möchte). Um diese Wirkung abzuschwächen, baut man den Motor (im beschriebenen Fall, rechtsdrehend) mit einem Seitenzug nach rechts (in Flugrichtung gesehen) ein. Dadurch wird die Luftschlange schräg über das Modell getrieben und die Wirkung auf das SLW lässt nach. Und nein - das hat nichts mit dem links drehenden Drehmoment des rechtsdrehenden Motors zu tun! Dieses wird ausgeglichen, da die Luftschlange ja auch die Flächen trifft - die linke von unten, dir rechte von oben - und so den Flieger nach rechts - also gegen das Drehmoment - neigt.
b) Heckpropeller/Pusher: Hier wird die Luftschlange erst hinter dem Modell erzeugt und hat keine Wirkung - ein Seitenzug ist nicht notwendig.

So - und wenn jetzt alles stimmt, dann kann das Modell eigentlich nur noch mit Absicht kaputt geflogen werden...

PS: Anregungen und Verbesserungen sind gerne willkommen => kontakt(at)fly2air.com